Die Hevener Glocken

Das vierte Geläut (1988 bis heute)

Es folgten umfangreiche Bauarbeiten, die mehr als ein Jahr in Anspruch nahmen. Der eiserne Glockenstuhl musste ausgebaut, das Mauerwerk des Turms von außen und innen sorgfältig saniert, eine Stahlbetondecke eingezogen und ein neuer Aufgang geschaffen werden.

Die Gemeinde nutzte diese Zeit für die vierte Glockensammlung in ihrer noch nicht hundertjährigen Geschichte. Aus unzähligen kleinen und großen Spenden kamen in zwei Jahren rund 70000 DM zusammen. Das waren mehr als zwei Drittel der Gesamtkosten eines neuen Geläuts in Höhe von 100.000 DM. Zu diesem erfreulichen Ergebnis hatte nicht zuletzt die Jugend unter Leitung von Michael Wohlfahrt beigetragen. Durch ihre Ideen und Aktivitäten wurden sehr viele Menschen und auch einige Hevener Ortsvereine zur Mithilfe gewonnen.

Im Presbyterium fand gleichzeitig eine Phase sorgfältiger Planung statt, wobei der Glockensachverständige der Evangelischen Kirche von Westfalen, Claus Peter (Hamm), wertvolle Entscheidungshilfe leistete. Von ihm stammt das technische und musikalische Gesamtkonzept: ein sechsteiliges Bronzegeläut, das weniger als die Hälfte seines Vorgängers wiegt und an einem Glockenstuhl aus abgelagerter französischer Eiche hängt. Die Anlage wurde von der ältesten evangelischen Glockengießerei Deutschlands gebaut, der Firma Rincker in Sinn bei Dillenburg, die noch auf die Reformationszeit zurückgeht.

Eine Gruppe von Interessierten beschloss im Auftrag des Presbyteriums die Inschriften und Namen der sechs Glocken. Dabei legte man Wert drauf, dass außer dem gottesdienstlichen und seelsorgerlichen auch der diakonische und politische Auftrag der Gemeinde zum Ausdruck komme, besonders deren Verantwortung für Frieden, Abrüstung und Gerechtigkeit. Das Ergebnis waren sechs Jesusworte, davon fünf aus der Bergpredigt, und außerdem Psalm 23, Vers 1, passend zum Kirchensiegel.

Im Juli 1988 reisten ca. 40 Gemeindeglieder in einem Autobus nach Sinn und erlebten dort den mit Bibellese, Gebet und Gesang eingeleiteten Glockenguss. Gewiss hat manch ein Zuschauer während dieses faszinierenden Vorgangs, dessen Arbeitsgänge auf jahrhundertelange Erfahrungen zurückgehen, an Schillers Glockenlied gedacht, das früher ein beliebter Lernstoff im Deutschunterricht war:

 

„Fest gemauert in der Erden

steht die Form, aus Ton gebrannt.

Heute muß die Glocke werden!

Frisch, Gesellen! Seid zur Hand!

Von der Stirne heiß

rinnen muß der Schweiß,

soll das Werk den Meister loben.

Doch der Segen kommt von oben.“

 

Der Guss erzielte tatsächlich eine hervorragende Klangwirkung. Im Juni 1991 war über Rundfunk und Fernsehen das vierte Hevener Geläut in ganz Deutschland zu hören, als ihm die Ehre zuteil wurde, die Schlussveranstaltung des Deutschen Evangelischen Kirchentags im Ruhrgebiet einzuläuten.

In der folgenden Tabelle, die von der Firma Rincker in Bronze gegossen und der Gemeinde geschenkt wurde, sind die wichtigsten Angaben über das Geläut zusammengefasst:

 

Nr. Name Ton Gewicht in kg unterster Durchmesser in mm Stärke des Schlagrings in mm Bibelstelle der Aufschrift
1 Gerechtigkeitsglocke g 756 1055 77 Mt. 5,6
2 Barmherzigkeitsglocke h 414 850 65,5 Mt. 5,7
3 Friedensglocke d 265 726 56 Mt. 5,9
4 Betglocke e 206 662 50,5 Mt. 7,7 und Ps. 23,1
5 Auferstehungsglocke fis 159 600 47,5 Mt. 5,4
6 Sakramentsglocke g 132 565 44,5 Lk. 10,20

 

Mitte September 1988 wurden die 6 Glocken auf dem Bauernhof Rüping an der Kleinherbederstraße angeliefert und dort von der Frauenhilfe mit Blumen prächtig geschmückt. Von dort geleiteten am Samstag, dem 24. September, viele Gemeindeglieder und Kinder die Glocken zu ihrem Bestimmungsort, an der Spitze Wilhelm Rüping auf seinem Trecker, der das bunt verzierte Gefährt hinter sich herzog. In der Kirche fand eine Andacht statt, in der die Glocken vorgestellt und die bewegte Geschichte der Hevener Geläute in einer Ballade vorgetragen wurde. Anschließend wurde gesellig gefeiert.

Es folgte, während im Turm die Montagearbeiten liefen, unter großer Beteiligung der Gemeinde eine Glockenfestwoche. Diese wurde begleitet von einer Ausstellung, an der verschiedene Gemeindegruppen beteiligt waren. Vor dem Symbol der Gerechtigkeitsglocke stellte das Wittener Arbeitslosenzentrum seine Tätigkeit dar. Vor der Barmherzigkeitsglocke standen Mitarbeiterinnen der Diakoniestation und der Kleiderzentrale. Vor der Friedensglocke informierte die Friedensgruppe über die Gefahren des Wettrüstens. Der Bibelgesprächskreis gestaltete einen Stand zur Betglocke, die Frauenhilfe zur Sakramentsglocke. Vor der Auferstehungsglocke ging es um das Thema Tod und Trauer. Diese Ausstellung bildete den Rahmen für alle Veranstaltungen der Woche.

Am Dienstag fand ein Sängerwettstreit der Hevener Chöre statt, zu dessen Abschluss die beiden Kirchenchöre, der Hevener Damenchor und die Männergesangvereine Cäcilia und Concordia sich unter Leitung von Gerhard Kroll vereinigten und gemeinsam Johann Sebastian Bachs Choralsatz „Nun danket alle Gott“ sangen. Es war ein unvergesslicher Abend. Am Mittwoch hielt Claus Peter einen kulturgeschichtlichen Vortrag über „Geschichte und Aufgabe der Glocken“. Am Freitag fand auf der Grünanlage gegenüber der Kirche mit viel Spaß und Spiel „der 2. Hevener Achtkampf“ statt, zu dem alle beteiligten Mannschaften aus den Gemeindegruppen und Ortsvereinen ein Glocken-Start-Geld zahlten. Die Woche schloss ab mit dem Einweihungsgottesdienst am Erntedankfest. Der neue Superintendent Voswinkel hielt die Predigt. Anschließend war auf dem Kirchplatz zu hören, wie die Glocken zu den verschiedenen Anlässen und Kirchenjahreszeiten erklingen sollen. Dazu bietet das sechsteilige Geläut zahlreiche Variationsmöglichkeiten. Das Presbyterium erließ eine ausführliche Läuteordnung. Zum Auftakt und Abschluss der Festwoche sang die Gemeinde ein Lied, das unter Bezugnahme auf die Namen und Aufschriften der Glocken deren Botschaften zum Ausdruck zu bringen versuchte. Der Text stammte von Pfr. Friedrich Edelhoff und wurde gesungen auf die Melodie von Johann Jakob Schütz zu dem Lieb "Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut" (EG 326).